Ist dein Hund der Chef? Dominanz und Rangordnung.

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Wer kennt sie nicht, diese Sprüche anderer Hundehalter?
„Deiner ist aber dominant!“ „Der denkt aber auch, er ist der Chef!“ „Die Rangordnung muss klar sein, sonst tanzt dir der Hund auf der Nase herum!“


Das Denken hinter diesen Sätzen ist unter Hundehaltern auch heute noch weit verbreitet: Hunde leben in strikten Rangordnungen und wollen selbst der Chef des Rudels sein. Sie brauchen eine strenge Führung. Wenn Hunde Probleme machen, liegt das vor allem daran, dass ihre Menschen sie nicht „im Griff“ haben, ihnen nicht die nötige Strenge entgegensetzen.

Genauso habe auch ich lange Zeit gedacht. Noch vor 20 Jahren wusste man nur sehr wenig über Hunde, ihre wilden Vorfahren und ihre Natur. Es gab einige Untersuchungen, in denen man das Verhalten von Wölfen und Hunden verglichen hatte. Hier hatte sich gezeigt, dass sowohl Wölfe als auch Hunde sogenannte Rangordnungen ausbilden. Das ranghöchste Tier setzt sich gegen alle anderen durch, auf dem zweiten Platz setzt sich ein Tier gegen alle anderen bis auf den Ranghöchsten durch, und so weiter. Das war der Stand der Wissenschaft und wir Hundeleute versuchten diese Erkenntnisse auf unser Leben mit unseren Hunden zu übertragen. Mit einem Biologiestudium im Hintergrund war mir das natürlich auch ein Anliegen, ich wollte da die Wissenschaft bestätigt sehen, aber ganz ehrlich? Ich bekam Kopfschmerzen davon, so schwierig und unpassend war es, diese Theorien auf die Hunde und ihre Menschen zu übertragen.

Und das ist ja auch kein Wunder, denn die Hunde und Wölfe, die man für diese Studien beobachtet hatte, lebten in einer sehr ungewöhnlichen Umgebung. Sie waren in engen Gehegen untergebracht und standen in voller Konkurrenz um Futter, Liegeplätze und alles, was ihnen wichtig war. Diese Umstände erinnern an Gefängnisse, Bohrinseln oder andere Lagersituationen, wo ausgewachsene Individuen auf engstem Raum zusammenleben müssen und dann unter sich ausmachen, wer welche Rechte hat und wer nicht. Diese Tiere lebten unter völlig anderen Bedingungen als die Hunde bei ihren Menschen und auch ihre wilden Verwandten führen doch ein völlig anderes Leben.

In freier Wildbahn leben Wölfe in Familienverbänden zusammen. Hier steht die Zusammenarbeit klar im Vordergrund. Die Familie verfolgt gemeinsame Ziele. Die Jagd, der Schutz der Welpen, die Verteidigung des Territoriums gegen Eindringlinge… all das sind Aufgaben, die gemeinsam erledigt werden. Für die Elterntiere ist der Zusammenhalt der Gruppe entscheidend, ihr eigener Fortpflanzungserfolg hängt ja davon ab, dass die Familie als Einheit funktioniert. Natürlich gibt es auch hier immer wieder Situationen, in denen einzelne Tiere in Konkurrenz geraten, aber Auseinandersetzungen sind die Ausnahme, auch weil die Kontrahenten sich aus dem Weg gehen können.

Welche dieser Lebenssituation hat nun mehr Ähnlichkeit mit unserer Hundehaltung?

Keine dieser Situationen passt zu 100% auf das Leben unserer Hunde, aber meine Intention ist ja ganz eindeutig die eines Familienoberhauptes und nicht die eines Kommandanten. MIR geht es nicht darum, Macht auszuüben, es geht um ein für alle befriedigendes Zusammenleben, es geht -wie im Familienverband- um Kooperation. Ich konkurriere nicht mit Hunden um Dinge, die ihnen oder mir wichtig sind. Es ist genug für alle da, und dort wo es dennoch Konflikte gibt, bin ich um Ausgleich bemüht, weil es eben nicht um Macht geht, sondern um eine Gemeinschaft, in der alle auf ihre Kosten kommen. Wo Konkurrenz entsteht, denke ich nicht darüber nach, wer „Recht“ hat, sondern frage mich vor allem, wie diese Konflikte entschärft und aufgelöst werden können.

Passt diese Art zu denken zur Natur unserer Hunde? Die Antwort ist ein sehr klares „Ja!“.

Hunde bringen für diese Form des Zusammenlebens die besten Voraussetzungen mit. Ich erlebe Hunde nicht als machtorientierte Möchtegern-Chefs, die ihre Sozialpartner beherrschen wollen. Was Hunde viel eher auszeichnet, ist diese bedingungslose Zuwendung ihren Menschen gegenüber. Sobald man ihre Bedürfnisse berücksichtigt und sie ihre Ziele in der Zusammenarbeit erreichen lässt, findet man in ihnen echte Partner. Hunde brauchen und suchen Gemeinschaft. Es ist unsere Aufgabe ihnen Gemeinschaft zu bieten.

Autor: Gerrit Stephan

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Wer mehr über diese ganze Rudel- und Alphatiertheorie erfahren möchte, kann sich gerne hierhier und hier einlesen.
Auch die Kampagne #PositiveRocks hat sich mit dem Thema beschäftigt. Den Cartoon dazu findest du hier: Heute das Sofa – morgen die Weltherrschaft!