Impulskontrolle

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Das Wort “Impulskontrolle” taucht seit einigen Jahren verstärkt in der Hundeszene und im Zusammenhang mit dem Training von Hunden auf. “Kontrolle von Impulsen” was bedeutet das eigentlich und welche Rolle spielt bzw. sollte es im Hundetraining spielen? Impulskontrolle sagt nichts anderes aus, als dass ein Individuum nicht unkontrolliert auf Reize seiner Umgebung reagiert. Sind Hunde denn grundsätzlich so? Reagieren sie unkontrolliert? Wenn ja, wann und wie kann und sollte ich als Hundehalter diese Reaktionen einschränken oder unterbinden? Was muss ich als Halter eines Hundes zu diesem Thema wissen, um das Training für meinen Hund sinnvoll und angemessen gestalten zu können? Wie bei vielen anderen Themen, die unsere Hunde betreffen, lässt sich auch hier eine Brücke zu uns Menschen schlagen.

Eine Frage, die sich mir sofort stellt, ist: Wie viel Impulskontrolle braucht ein Mensch denn so in seinem Alltag? Schaffen wir es immer und in jeder Situation, unsere Impulse zu kontrollieren? Ich nehme einfach mal mich als ein Beispiel, weil ich von mir am besten aus eigener Erfahrung sagen kann, dass ich mich nicht immer, ständig, in jeder Situation und überall kontrollieren kann. Wenn ich sehr genau überlege, dann fällt mir auch in meinem Umfeld spontan niemand ein, der dauerhaft – 24 hours a day – kontrolliert wäre. Wie sieht das Ganze denn beim Hund aus? Kann er? Muss er? Sollte er … sich rund um die Uhr kontrollieren? Die Antworten auf diese Fragen sind wohl jedem klar: natürlich kann ein Hund das genau so wenig wie ein Mensch. Dennoch ist die Erwartungshaltung gegenüber den Hunden oftmals relativ hoch.

Wovon ist es abhängig, wie viel Impulskontrolle ein Halter seinem Hund abverlangen kann? Die Rasse eines Hundes spielt dabei sicherlich eine Rolle. So gibt es Rassen, die eine größere Reaktivität mitbringen. Unabhängig von der Rasse hat jeder Hund wie grundsätzlich jedes Individuum seine eignen Persönlichkeitsmerkmale, die mit darüber entscheiden, wie gut er sich von sich aus in bestimmten Situationen kontrollieren kann. Alter und Trainingsstand sind zwei sehr wesentliche Faktoren, wenn es um kontrolliertes Verhalten geht.

Wie sieht das Ganze Thema denn nun in der Praxis aus? Was genau soll man sich darunter vorstellen? Unerlässlich für uns als Hundehalter zu wissen ist, dass Impulskontrolle nicht in unbegrenzter Menge zur Verfügung steht. Irgendwann einmal am Tag ist das Sich-Kontrollieren-Können einfach nicht mehr möglich. Wann dieser Zeitpunkt erreicht ist, ist so individuell, wie jedes Lebewesen individuell ist. An dieser Stelle möchte ich noch einmal einen Bogen in die Menschenwelt schlagen, um das Ganze an einem Beispiel zu verdeutlichen.

Passend zum Thema Impulskontrolle hier noch ein bisschen was zur Löffelchen-Theorie

Am Morgen fahre ich zur Arbeit der Chef und die Kollegen sind extrem anstrengend an diesem Tag, aber ich muss entspannt bleiben, obwohl ich am liebsten ausrasten würde. Die Mittagspause fällt aufgrund von zu viel Arbeit mal wieder flach und das Shoppen mit der besten Freundin fällt leider auch aus, weil ich länger arbeiten muss. Auf dem Weg nach Hause bin ich schon total genervt und kann mich kaum noch beherrschen, dann verpennt der Hirni an der Ampel vor mir auch noch die Grünphase. Zu Hause angekommen erwartet mich meine Familie in bester Laune, doch leider bekomme ich es nicht mehr hin, mich noch länger zu beherrschen – der Tag hat einfach schon zu viel Selbstbeherrschung von mir abverlangt. Ich bin gereizt und reagiere auch entsprechend.

Auch im Zusammenhang mit Kindern ist uns dieses Phänomen, dass Selbstbeherrschung nicht unbegrenzt zur Verfügung steht, ebenfalls bekannt. Sicherlich kennt jeder die Situation, mit seinem Kind in einem Einkaufszentrum an der Spielzeugabteilung vorbei zu müssen – es ist nicht immer einfach. Irgendwo lockt dann noch ein McDonald mit Pommes, Burgern und Chickenwings, auch Candy-Bar und Eisdiele sind eine weitere Herausforderung für die Selbstbeherrschung der Kinder. Nach gefühlten fünfzig “NEINS” ist es aus und vorbei mit der Selbstbeherrschung des Kindes – vielleicht auch mit der Selbstbeherrschung der Eltern. Das Kind schreit los, dass es doch nun endlich ein Eis und auch ein Spielzeug haben will. Was ist hier passiert? Ist das Kind nicht erzogen? Handelt es sich um Rabeneltern, die ihrem Kind keinen Wunsch erfüllen wollen? Oder ist das Kind einfach zu vielen Reizen ausgesetzt, denen es am Ende des Tages nicht mehr widerstehen kann?

Wann bei einem Individuum die Impulskontrolle aufgebraucht ist, kann man nie sagen. Hat ein Hund Probleme bei Begegnungen mit anderen Hunden, wenn er an der Leine ist, kann es nach zwei Begegnungen vorbei sein mit der Disziplin. Finden die Begegnungen mit ausreichendem Abstand statt, kann es auch sein, dass er drei, vier oder sogar mehrere Begegnungen gelassen hinnehmen kann. Dazu kommt natürlich, was dieser Hund an diesem Tag sonst noch so erlebt hat: Ist er gerade hungrig? Ist er gestresst, weil es heiß ist? Ist er müde oder gerade gelangweilt? Alle diese Faktoren führen kumulativ dazu, wann – auf dieses Beispiel bezogen – die unerwünschte Reaktion an der Leine erfolgt. Man könnte noch zig Beispiele zu diesem Thema anführen, die alle mit demselben Ergebnis enden würden: Jeder Hund hat seine eigene Schmerzgrenze und ist unterschiedlichen Umweltfaktoren ausgesetzt, die an seiner Impulskontrolle “nagen”. Was den einen “nichts kostet”, weil es für ihn ein Leichtes ist, sich in dieser Situation zu beherrschen, kostet den anderen enorm viel Energie, die er dann an anderer Stelle nicht mehr aufbringen kann.

Wenn ich ein Hund wäre … wünschte ich mir Menschen, die immer mal wieder auch ihre eigene Impulskontrolle hinterfragen. Wie gut schaffen sie es den Tag über ihre Impulse zu kontrollieren? Erheben sie nie die Stimme? Sind sie in den meisten Situationen tatsächlich diszipliniert? Gehen sie selbstverständlich an jeder Konditorei vorbei, ohne schwach zu werden? Mit Menschen an meiner Seite, die sich darüber ernsthafte Gedanken machen, bin ich als Hund bestimmt auf der sicheren Seite. 

Autorin: Clarissa Mayer-Trommer – Tierpsychologische Beratung
Erschienen in der „Mein Herz bellt“ Ausgabe 18/2016

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