
Die Eskalationsleiter beim Hund zeigt: Die wenigsten Hunde wollen Ärger. Wenn sie in eine Situation geraten, die ihnen unangenehm ist oder die sie als bedrohlich empfinden, versuchen sie zunächst alles, um ihr zu entkommen oder sie zu entschärfen – nicht, um zu kämpfen.
Diesen stufenweisen Prozess kannst du dir wie eine Leiter/Treppe vorstellen. Ganz unten steht neutrales, entspanntes Verhalten. Je weiter dein Hund die Leiter/Treppe hochsteigen muss, desto deutlicher werden seine Signale – und desto mehr hat er das Gefühl, dass die leiseren Stufen nicht gereicht haben.
So sieht die Eskalationsleiter beim Hund aus:
Am Anfang stehen die leisesten, unauffälligsten Signale: Gähnen, Blinzeln, sich über die Nase lecken. Reicht das nicht, wendet dein Hund vielleicht den Kopf ab, dreht seinen Körper zur Seite, setzt sich hin oder hebt eine Pfote. Manchmal geht er auch einfach weg.
Löst sich die Situation immer noch nicht, werden die Ohren angelegt, der Körper duckt sich, die Rute wird eingeklemmt. Danach folgt oft ein Zusammenkauern, ein Hinlegen mit angehobenem Bein, oder dein Hund erstarrt und starrt.
Erst jetzt, ziemlich weit oben auf der Leiter, kommen die Signale, die die meisten Menschen sofort erkennen: Knurren, Zähnezeigen. Und erst danach, wenn wirklich gar nichts geholfen hat, folgen Abschnappen (zunächst in die Luft), Zwicken, und im allerletzten, schlimmsten Fall: richtiges Beißen.
Ein wichtiger Punkt, den viele übersehen:
Ein gut sozialisierter Hund durchläuft diese Stufen normalerweise der Reihe nach, eine nach der anderen. Aber nicht jeder Hund tut das. Wenn bestimmte Stufen in der Vergangenheit bestraft wurden – zum Beispiel, wenn ein Hund fürs Knurren zurechtgewiesen wurde – oder wenn eine Stufe ihm einfach nie den gewünschten Erfolg gebracht hat, kann es sein, dass er diese Stufe künftig überspringt. Auch hohe Erregung kann dazu führen, dass ein Hund plötzlich weiter oben einsteigt, ohne die leiseren Signale überhaupt erst zu zeigen.
Das bedeutet: Ein Hund, der scheinbar „aus dem Nichts“ knurrt oder schnappt, hat oft längst vorher kommuniziert – nur eben so leise, dass es niemand bemerkt oder ernst genommen hat.
Was das für deinen Alltag bedeutet
Wenn du die Eskalationsleiter beim Hund im Kopf hast, kannst du viel früher erkennen, wenn dein Hund mit einer Situation zu kämpfen hat. Genau das ist der eigentliche Wert dieses Wissens: Du kannst reagieren, bevor dein Hund gezwungen ist, lauter zu werden. Das bedeutet zum Beispiel, mehr Abstand zu schaffen, wenn du ein Gähnen oder ein Abwenden bemerkst, statt zu warten, bis dein Hund knurren muss, damit du überhaupt hinschaust.
Und es bedeutet auch: Wenn dein Hund knurrt, ist das keine Unart, die weggezüchtigt gehört. Es ist Kommunikation – eine der letzten Stufen auf dem Weg, bevor eigentlich gar nichts mehr geht. Wer diese Stufe bestraft, nimmt seinem Hund nicht das Problem, sondern nur die Möglichkeit, es anzukündigen.
Artikel: Christiane Jacobs


