WER KRIEGT DAS FUTTER?

Dieses Facebook-Video macht regelmäßig die Runde unter dem Titel: “Fight for Food!”. Sieht man aber mal genauer hin, dann erkennt man sehr schnell, dass das der falsche Titel ist. Beide Hunde agieren hier sehr häufig deeskalierend und ich denke, du gibst mir recht, dass ein Kampf wohl anders aussieht!

Fight for food

Gepostet von Nedret Kilic am Donnerstag, 1. August 2013

 

Gerrit hat dazu folgendes geschrieben:

Die Ausgangslage ist sehr angespannt.
Beide Hunde zeigen Anzeichen einer hohen Körperspannung (fehlende Bewegungen, geschlossener Fang, durchgedrückte Läufe). Die Körperachsen sind gerade und frontal aufeinander ausgerichtet, der Abstand zwischen den Hunden ist gering. Die Hunde haben wahrscheinlich anhaltenden Augenkontakt.
Beide Hunde zeigen deutlich nach vorne gerichtete Tendenzen (aufgerichtete Körperhaltung, hoch getragene Rute, nach vorne verlagerte Körperschwerpunkte). B knurrt deutlich sichtbar, A vermutlich auch. Auf der anderen Seite haben beide Hunde die Ohren nach hinten gezogen, was auf distanzvergrößernde Tendenzen (Angst vor der Auseinandersetzung) schließen lässt.
Da Hund A deutlich näher am Futter ist, muss man zunächst damit rechnen, dass er diese Ressource verteidigen wird.
B verringert die Distanz zum Futter nun zunächst kaum merklich mit dem nachgezogenen Hinterlauf. A wendet bei 0:09 den Kopf ab. Da diese Bewegung von der Ressource weg erfolgt, kann sie eindeutig als deeskalierendes Signal interpretiert werden.
In Reaktion darauf verringert B weiter die Distanz (kleiner Schritt nach vorn zwischen 0:15 und 0:20. Diese Vorwärtsbewegung wird mit einem angedeuteten Blinzeln/Kopfabwenden kombiniert. Die Kopfbewegung geht in Richtung Futter, aber der Blickkontakt wird kurz unterbrochen. Auch B zeigt hier schon deeskalierendes Verhalten.
Bei 0:20 setzt A sich hin und vergrößert so die Distanz zu dem Vorrückenden. Andererseits dreht er den Kopf wieder geradeaus und knurrt. Das Hinsetzen entspannt die Lage etwas, aber die Situation bleibt sehr angespannt.
In der Folge baut B seine Drohkulisse vollständig ab. Die Bewegungen erfolgen sehr langsam und angespannt, aber die folgenden Details wirken deeskalierend: Er richtet nach und nach seine Körperachse auf das Futter aus. Blick und Körperachse zeigen somit jetzt deutlich an A vorbei.
Er blinzelt, senkt den Kopf und bewegt sich schließlich weiter auf das Futter zu, wobei er den Körperschwerpunkt allerdings von A weg verlagert. B vermeidet nun den Blickkontakt zu A.
In dieser Position verharren die Hund eine ganze Weile regungslos.
Bei 1:05 verlagert A schließlich den Körper ganz leicht vom Futter weg und leckt sich gleichzeitig die Lippen.
B reagiert mit einem weiteren kleinen Schritt nach vorne, wobei er den Körper leicht von A weg verlagert. Beide Hunde zeigen beschwichtigendes Verhalten, wobei B die Distanz zur Ressource verringert und A nun eine Tendenz zeigt, sich vom Futter wegzubewegen. Die Verhandlungen gehen auf die Zielgerade…
In der Folge setzt sich B zunächst und legt sich anschließend hin, wobei er einerseits seinen Körper deutlich von A wegverlagert, seinen Kopf aber gleichzeitig direkt an das Futter bringt. In dem Moment, wo B beginnt zu fressen, wendet A sich ab und geht aus der Situation heraus.

“Fighting for food” ist nicht gerade eine treffende Überschrift. Hier wird auf hohem Niveau verhandelt und kommuniziert. Interessant an dieser Szene ist vor allem, dass B die Situation am Ende mit deeskalierendem Verhalten für sich entscheidet. Er kommuniziert einerseits, dass ihm das Futter sehr, sehr wichtig ist. Er nähert sich Zentimeter für Zentimeter weiter an. Er kombiniert diese Vorwärtsbewegung andererseits mit vielen deeskalierenden Signalen und vor allem mit soviel Distanz zu A wie möglich. Das Hinlegen am Ende ist in diesem Zusammenhang ein kleiner Geniestreich 😉.
Auf der anderen Seite hat A schon sehr früh (bei 0:09) eine Tendenz vom Futter weg gezeigt. Somit war das Drohverhalten von B ja eigentlich erfolgreich. Ich finde es sehr interessant, dass B in der Folge zunehmend zu einer beschwichtigenden Strategie wechselt und nicht versucht A über verstärktes Drohverhalten weiter zu verunsichern.