Ein Hund kommt zu Besuch

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Vor einiger Zeit wollte ich meine Gassi-Freundin Claudia mit ihrer Hündin Karla bei mir zum Kaffeetrinken einladen. Die Hunde verstehen sich beim Spaziergang total gut, kennen sich jetzt auch schon eine Weile und wir wollten so gerne mal in Ruhe quatschen.
Claudia und Karla kommen also vorbei, die Hunde laufen gemeinsam durch die Wohnung, beginnen ein Spiel auf meinem Wohnzimmerteppich. Plötzlich kippt die Stimmung und es kommt zu einer lautstarken Auseinandersetzung.

Was ist hier passiert?

Nun, zunächst sollten wir uns vor Augen führen, dass ein Besuch im zu Hause eines anderen Hundes eine sehr aufregende Angelegenheit ist- und zwar für beide Parteien. Wenn Hunde sich beim Spaziergang gut verstehen, gemeinsam spielen oder die Umwelt erkunden, findet das alles zunächst einmal auf neutralem Boden statt. Ganz anders liegt die Sache jedoch, wenn sich der Hundekumpel auf einmal im eigenen zu Hause oder sogar noch auf dem eigenen Lieblingsteppich befindet.

Foto: Sylvia Lübke – Hunde aufs Herz

Mein Hund Pina sieht sich hier plötzlich mit der Situation konfrontiert, dass sie um ihre Ressourcen fürchten muss. Futternapf, Spielzeug, der besagte Teppich, das Sofa… plötzlich wuselt da jemand durch die eigenen Sachen, deren Erhalt der Pina sehr am Herzen liegt. Sie weiß ja auch zunächst nicht, ob der andere Hund jetzt nur vorübergehend da ist oder für immer bleibt. Für sie stand mit Karla in erster Linie ein Fremder im eigenen Schlafzimmer, mit dem man sich befassen muss.

Karla auf der anderen Seite kommt in einen geschlossenen Raum, in dem sich überwiegend der Geruch von Pina befindet, und zwar vermutlich in viel größerer Konzentration, als dies draußen der Fall ist. Dazu kommt noch, dass beide Hunde jetzt auf einem relativ begrenzten Terrain zusammen sind und sich nicht mehr im gleichen Maß aus dem Weg gehen können, wie das im Wald oder auf der Hundewiese möglich ist.

Die Situation ist also für beide Hunde neu und ungewohnt und dadurch häufig sehr aufregend. Pina, die hier wohnt, fühlt sich vielleicht durch den Besuchshund in ihren Ressourcen bedroht, Karla als Besuchshund wiederum weiß vielleicht nicht so recht, wie sie sich adäquat verhalten soll.

Worauf sollte ich als Halter achten?

Hunde reagieren auf Bedrohungssituationen nicht immer nur mit Angst- oder Aggressionsverhalten. Je nach Intensität der Bedrohung, oder wenn diese noch im Anfangsstadium ist, kann es sein, dass ein Verhalten gezeigt wird, welches wir als Menschen weder mit Angst noch mit Aggression in Verbindung bringen. Das macht es für uns oft so kompliziert, ein Spiel oder eine freundliche Interaktion von einer drohenden Auseinandersetzung zu unterscheiden.

Karla hat nach der Ankunft zunächst einmal die unbekannte Wohnung untersucht und Pina ist ihr dabei gefolgt. Sie war sichtlich aufgeregt über den Besuch, das erkenne ich an der erhoben getragenen, schnell wedelnden Rute und ihren tippeligen Schritten. Einige Male hat sie sich Karla in den Weg gestellt, wenn diese ein Zimmer wieder verlassen wollte oder in die Nähe des Futternapfes kam.

Foto: Sylvia Lübke – Hunde aufs Herz

Auch wenn ein aufgeregter Hund sich nach außen hin noch zu freuen scheint, weil er eben mit der Rute wedelt, ein paar Hopser macht oder fiept, sollten wir hier auf kleine Anzeichen achten, die auf einen drohenden Konflikt hinweisen können. Dass Pina sich Karla in den Weg stellt ist zum Beispiel eine Form der körperlichen Einschränkung und kann als (leichte) Drohung gewertet werden. Karla kann auf das Einschränken entweder mit weniger Bewegung reagieren (sie lässt sich also einschränken), dann ist die Situation für sie aber nicht sehr angenehm.

Ignoriert sie jedoch die Versuche von Pina und bewegt sich einfach weiter in der Wohnung, so könnte es passieren, dass Pina auf der Eskalationsleiter einen Schritt weiter geht und entweder deutlicher droht (z.B. knurren, Zähne zeigen) oder schlimmstenfalls sogar zum Angriff übergeht.

Beginnen die beiden Hunde ein Spiel aus der aufgeregten Grundhaltung heraus, dazu noch in einem relativ engen Raum, so ist unbedingt auf folgende Anzeichen als Warnsignale zu achten:

  • Immer höher werdendes Spieltempo
  • Immer lauter werdende Lautäußerungen (Knurren, Bellen, Jaulen)
  • ein Hund legt dem anderen immer wieder die Pfote auf den Rücken, versucht ihn runterzudrücken
  • häufige Hochkampfstellung (Hunde steigen aneinander hoch)
  • ein Hund schleppt ein Spielzeug weg und / oder schirmt es mit dem Körper ab
  • im Raufspiel liegt ein Hund ausschließlich unten und kann aus eigener Kraft nicht mehr unter dem anderen Hund weg, wird quasi „festgepinnt“
  • fehlende Spielpausen!
Was kann ich als Halter tun?

Als Vorbereitung ist es sinnvoll, dass auch bei einem geplanten Besuch, das erste Treffen beider Hunde auf neutralem Boden stattfindet. Man geht mit dem eigenen Hund also zunächst vor die Haustür und mit dem Besuchshund gemeinsam eine Runde um den Block oder durch den Park. Erst dann geht man gemeinsam mit beiden Hunden in die eigene Wohnung.

Ressourcen, die einer der Hunde verteidigen könnte, wie Spielzeug oder Futternapf, sollte man wegräumen, bis man einschätzen kann, ob beide Hunde mit der Situation gut klarkommen.

Der Besuchshund bringt im Idealfall seine eigene Decke oder eine Box mit, die man vielleicht sogar im Vorfeld bereits mit Entspannung verknüpft hat. So hat zum einen jeder Hund seinen eigenen Platz, zum anderen kann man die Hunde hier auf Abstand zueinander ablegen und für Entspannung sorgen.

Foto: Sylvia Lübke – Hunde aufs Herz

Sehe ich, dass ein Hund den anderen Hund permanent einschränken möchte, oder treten im Spiel die oben aufgezählten Punkte auf, so sollte man als Halter dies freundlich unterbrechen und zunächst wieder für Abstand zwischen den Hunden sorgen.

Autor: Nadine Schiffer

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